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Langsam trudeln alle Teilnehmer ein: Führung durch das Zonengrenzmuseum in Helmstedt eröffnet einen neuen Blick in die Grenzstadt mit viel Geschichte
Bild: CRSLangsam trudeln alle Teilnehmer ein: Führung durch das Zonengrenzmuseum in Helmstedt eröffnet einen neuen Blick in die Grenzstadt mit viel Geschichte

Kunst fürs Leben

Die Werkwoche der Landsmannschaft Ostpreußen fand in diesem Jahr mit finanzieller Unterstützung der Stiftung „Zukunft für Ostpreußen“ zum 10. Mal in der Politischen Bildungsstätte Helmstedt statt

Christiane Rinser-Schrut
14.10.2026

Handschuhe sind nützlich, das Wetter wird winterlich, die Finger frieren beim Radfahren, wie gut, wenn man warme Schlaufenhandschuhe besitzt, die nicht nur gut aussehen und wärmen, sondern auch noch mit ihren Mustern und der Art an Ostpreußen erinnern.

Das gilt genauso für einen gewebten Schal. Ein Ostpreußenkleid ist nicht nur viel Stoff und Garn, viele Stunden konzentrierter Arbeit, Liebe, manchmal Verzweiflung, sondern auch ein Kleidungsstück mit Ostpreußen im Kern.

Ein Nadelkissen – für die lieben Kinder in emsiger Weißstickarbeit gewerkt – ist nicht nur ein Weihnachtsgeschenk, sondern auch nützlich und ostpreußisch.

Wer also zur Werkwoche unter der Leitung von Hannelore Mosbacher kommt, kann hier etwas fürs Leben schaffen, etwas Nützliches, etwas für das Leben, das nicht nur schmückt, sondern auch wärmt, und zwar auch von innen.

Stressabbau auf ostpreußisch

„Hier ist meine Erholung!", sagt eine Teilnehmerin, hier schalte sie ab, von ihren Verpflichtungen zu Hause, von kranken Familienmitgliedern, von Sorgen, volle Konzentration auf den nächsten Stich, die nächste Masche, den nächsten Schnitt oder Webzug. Handarbeit ist eine Form des Stressabbaus, die in der Politischen Bildungsstätte Helmstedt e. V. mit der Werkwoche der Landsmannschaft Ostpreußen e.V. in Reinform praktiziert wird. Es gibt auch hier andere Menschen und man selbst ist auch kein anderer, aber alle wollen hier etwas lernen, etwas mitnehmen, und zwar fürs Leben.

Lebenskunst zum Beispiel. Die Situation: Ostpreußische Muster mit Perlen in Handschuhe oder Stulpen sollen gestrickt werden. Vor einem stehen Döschen mit minikleinen Perlen. Eine unbedachte Bewegung, und schon liegt die Pracht auf dem Teppich verteilt. Aber zieht man eine Strumpfhose über den Staubsauger, landen alle Perlen, wenn auch nicht sortiert, im Strumpf.

„Man lernt fürs Leben" und hat etwas fürs Leben

Aber in der Werkwoche der Landsmannschaft Ostpreußen, die erneut durch die Stiftung „Zukunft für Ostpreußen" gefördert wurde, steht auch das Leben selbst im Fokus. Man trifft sich wieder, man lernt neu kennen, man fragt nach, man erinnert sich – das ist schön. Und man tanzt und singt in einer Gruppe als Gemeinschaft. Allein singen und tanzen macht auch Spaß, aber in einer Gruppe entsteht eine Dynamik, eine Energie, die einen gut in den nächsten Tag starten lässt. Das sind einige Gründe, weshalb die Menschen, die sich für ostpreußische Handarbeit interessieren, sich im herbstlichen Helmstedt nun schon seit zehn Jahren versammeln. Davor, die Älteren erinnern sich, wurde die Werkwoche im Ostheim in Bad Pyrmont unter der Obhut von Familie Winkler zelebriert.

Eine Dekade Werkwoche in der Grenzstadt Helmstedt gibt Anlass, sich als Gruppe das Grenzmuseum anzuschauen. Zu Fuß oder mit dem Auto kommen alle Teilnehmer an dem klassizistischen Gebäude an. Rund 30 Leute pferchen sich von Saal zu Saal.

Die Kreisstadt Helmstedt in Niedersachsen ist schon im Mittelalter eine Grenzstadt gewesen, für die der Benediktiner St. Ludgeri und Universitätsgründer Herzog Julius wichtig waren. Später verlief hier die Zonengrenze und Innerdeutsche Grenze. Sehr anschaulich schildert die Museumsführerin die Bedeutung der DDR für die Grenzstadt, die von jetzt auf gleich keinen Strom mehr bekam, die Gräber eines nahen Friedhofs nicht mehr besucht werden konnten, Arbeitsplätze verloren gingen, weil zwischen Wohnort und Arbeitsplatz eine Grenze gezogen wurde. Sie erläutert die Mechanismen am Grenzverlauf und Verschleierungstaktiken der SED. Das Museum soll in der nächsten Zeit modernisiert werden, beispielsweise durch Interviews mit Zeitzeugen, die bald digital abrufbar sein werden.

Zurück in der Politischen Bildungsstätte findet neben der Handarbeit ein reger Austausch zum Thema rund um die DDR, Flucht und die Wiedervereinigung statt, denn auch das ist Leben. Eine Teilnehmerin erzählte von ihrer Großmutter, die mit dem Kabinen-Fahrgastschiff Wilhelm Gustloff fahren sollte, doch sie wollte auf ihren Mann warten und hat einen anderen Fluchtweg überlebt. Die Gustloff wurde am 30. Januar 1945 von einem sowjetischen U-Boot in der Ostsee versenkt. Es gab über 9.000 Todesopfer. Wie gut, dass ihre Enkelin nun fröhlich an ihrer Bluse weiterarbeiten kann und sich freut, dass ein Stück der Kultur ihrer Großeltern weitergetragen wird.